Sächsische Zeitung vom 8.10.2004

Dampfschiff als Herz-König

Rommé spielen und zugleich die Stadt erforschen - ein neues Kartenspiel machts möglich
von Andy Dallmann

Selbst die Anlieferung fällt aus dem Rahmen, denn Lutz Müller bringt seine Produkte meist mit dem Fahrrad zu den Kunden. "Damit das klappt, habe ich mir extra große Satteltaschen besorgt", sagt der 45-Jährige. "Kein Stress mit Staus oder zugeparkten Einfahrten - das Fahrrad macht mich da einfach flexibel." Bis zu 300 seiner Skat- oder Rommé-Spiele kann er so problemlos auf einen Schlag transportieren. Weil diese wiederum bislang einzigartig sind, entwickeln sie sich zusehends zu einem Verkaufsschlager. Müller verpasste den weithin bekannten Spielkarten schließlich noch zusätzliche Funktionen. So sind die Spiele zugleich Routenplaner für eine Besichtigungstour durch Dresden. Zudem stellt jede Karte nicht nur eine Attraktion im Bild dar, sondern präsentiert gleich noch eine nette Hintergrund-Geschichte zu selbiger. Wochenlange Recherche nach skurrilen Anekdoten.
Müller: "Dafür habe ich teilweise wochenlang in Archiven recherchiert, Bücher und Zeitungen gewälzt und am Ende auch eine ganze Menge skurriler Geschichten entdeckt." Der auf dem Theaterplatz reitende König Johann sei heute vor allem als Dante-Übersetzer im öffentlichen Gedächtnis präsent. Müller enthüllt auf seiner König-Johann-Karte, dass der Wettiner seinerzeit in einen "makaberen Wettkampf in fürstlichen Ehebetten verwickelt" war. Weil der Thronfolger sich jahrelang vergeblich um eigenen Nachwuchs gemüht hätte, sollte sein Vater - immerhin 66 Jahre alt - mit einer schnuckeligen 23-Jährigen den ersehnten künftigen König zeugen. Dieses Ansinnen habe Johanns Kräfte derartig mobilisiert, dass er zügig sieben Kinder zeugte. "Solche Histörchen machen einen Stadtspaziergang doch erst zu einem lebendigen Erlebnis - nicht zuletzt sogar für die Dresdner selbst", sagt Müller. Der Kulturwissenschaftler und Journalist kürt aber nicht nur en passant ein Dampfschiff zum Herz-König oder den Fürstenzug zum Schell-As, er will Touristen nicht nur informieren, sie nicht nur Rommé spielen lassen. Er will die Stadtbesichtigung durch die Spielkarten komfortabel machen. "Großformatige Stadtpläne hin- und herfalten, dicke Bücher mit sich rumschleppen - das nervt doch nur", sagt er. Die Idee, einen etwas anderen Stadtführer zu entwickeln, hatte er schon vor längerem. Diesen in ein Rommé-Spiel zu übersetzen, das schoss ihm im vergangenen Dezember ein. Nachdem ihn Freunde bestärkt hatten, investierte Müller schließlich seine Ersparnisse in dieses Projekt, fand mit der Altenburger Spielkartendruckerei zunächst einen kooperativen Hersteller und dann begeisterte Abnehmer. "Alle Buchhandlungen, die Kunstsammlungen, und Souvenirhändler verkaufen die Karten", sagt Müller. "Nur bei der Dresden Werbung und Tourismus GmbH bin ich abgeblitzt. Dafür hat jetzt der Tourismusverband Meißen zugeschlagen." Damit nicht genug. Müller, inzwischen längst von der Universalität seiner Idee überzeugt, will ähnliche Spiele für Berlin, München und Hamburg kreieren. "Reizen würden mich auch Städte wie Prag oder Breslau", gesteht er und trägt der Globalisierung Rechnung: Eine englische Version des Dresden-Spiels sei bereits in Arbeit, die japanische zumindest geplant.

 

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